Sabine Weber war bei der Premiere von Dietrich Hilsdorfs neuer Walküre in Düsseldorf.

Text · Titelbild © Hans Jörg Michel · Datum 31.1.2018

Es ist schon erstaunlich, wie modern die Themen sind, die Wagner in seiner Walküre verhandelt: freie Liebe gegen den heiligen Bund der Ehe, wenn er durch Zwangsehe zustande kommt. Fremdbestimmung und blinder Gehorsam. Da prahlen die Walküren in roter Festseide unter Wehrmachtsmantel damit, dass sie im Krieg gefallene Männer im blinden Gehorsam auferstehen lassen und für Wotans Heer rekrutieren. Der Wehrmachtsmantel wird in Dietrich Hilsdorfs aktueller Inszenierung seines Ring des Nibelungen an der Oper am Rhein in Düsseldorf zum Symbol der Göttermacht. Wotan entzieht ihn im letzten Akt seiner Lieblingswalküre Brünnhilde, um sie mit Menschlichkeit zu strafen. Das Frau-sein-Müssen, Waschen, Putzen, Kochen, wird als größte Strafe und Erniedrigung ausgegeben. Wird da etwa das Patriarchat angeprangert?

Freilich muss man sich durch Wagners Alliterations-Wahn und altertümelnde sprachliche Ausdrucksmittel immer erst durchbeißen. Der Einstieg im ersten Akt ist besonders kritisch. »Ein Quell!«, ruft Siegmund wie blind torkelnd hereinstürzend. »Erquickung schaff ich!«, ist Sieglindes Antwort. Die Musik aus dem Orchestergraben liefert eindeutigere Botschaft. Die Düsseldorfer Symphoniker unter dem Bayreuth-erfahrenen Axel Kober betören an dieser Stelle mit sanftem, tiefen, von den Celli dominierten Streicher-Samt. Alles klar! Hier trifft sich ein Jahrhundert-Liebespaar, das nur noch ein bisschen umständlich herumlaviert. Einige Unstimmigkeiten der Inszenierung sind allerdings schwieriger zu verdauen. Bevor Siegmund hineinstürzt, öffnet Sieglinde bereits die Tür, als erwarte sie jemanden, und tut dann – laut Wagners Libretto – erstaunlich überrascht, dass jemand gekommen ist.

Foto © Hans Jörg Michel
Foto © Hans Jörg Michel

Im zweiten Akt fasst sich Sieglinde immer wieder stöhnend an den Bauch, als würden gleich die Wehen einsetzen, obwohl sie erst im dritten Akt erfährt, dass sie mit Siegfried schwanger ist. Während der musikalisch magisch jenseitigen Erscheinung von Brünnhilde mit Witwenschleier vor Siegmund, die ihm den Tod, dafür aber auch Walhall-Ehren und Wunschmädchen verspricht, stopft Siegmund ungerührt die Hände in die Taschen. Oftmals fehlt Blickkontakt. Doch wenn die Musik stimmt, lässt man sich viel gefallen. Das Orchester spielt nuanciert und differenziert alle dynamischen Möglichkeiten aus.

Das Sängerensemble ist wirklich sensationell! Corby Welch als Siegmund singt jedes Wort verständlich und gestaltet Gesangslinien als würde er sprechen, auch mal über zwei Zeilen hinweg und dann ohne zu atmen. Kraft und Druck setzt er nur an wenigen kostbaren und nötigen Stellen ein. Partnerin Elisabet Strid ist eine warmtönende Sieglinde, die über viele Farben verfügt, nur in extremer Höhe, dann auch passend, verzweifelt schrill klingt. Linda Watson mit ihrem antiken Gesichtsprofil hat Brünnhilde-Wucht und macht sich mit grandiosen ersten Haioto-Rufen und Fingerzeig auf Hunding über ihn lustig. Ihre dramatische Sopranstimme entwickelt aber auch einfühlsam Sogwirkung in leisen Partien ihres bemerkenswert zu verfolgenden Dialogs mit Wotan – zwischen Tochter und Vater im letzten Akt. Götterchef Wotan verkörpert Simon Neal gespalten zwischen Pflicht und Ehrgeiz, Macht und Machtlosigkeit. Und wenn ihm im letzten Akt hinter dem Tisch einmal ganz kurz die Stimme wegbricht, scheint es aus trotziger Verzweiflung an der Notwendigkeit, sein herrliches Kind verbannen zu müssen.

Foto © Hans Jörg Michel
Foto © Hans Jörg Michel

Wütend schmeißt er die Hunding-Puppe zum Schluss vom Sofa – was hat die im letzten Akt eigentlich zu suchen? Ach ja, der Guerilla-Ranger muss Wotan ja noch seinen Ranger-Hut abgeben. Auch den Wanderhut klaut sich der Götterchef also, natürlich eine Lappalie im Vergleich zum Raub des Rheingolds. Das alles spielt sich an diesem Abend in Dieter Richters Einheits-Bühnenbild ab. Von der ersten Rheingold-Inszenierung letztes Jahr ist noch der Varieté-Rahmen an der Bühnenrampe übrig geblieben. Bunte Glühbirnchen in Reihen mit Goldstuck eingefasst, die am Vorabend den Blick in einen 19. Jahrhundert Salon verziert haben. Zum Einzug der Götter in Walhall haben sie munter geblinkt. Von dem Salon sind nur noch verbrannte Ruinen übrig. Wuchtige Betonwände mit Brandspuren, ein fabrikähnliches Fenster hinten, links eine Art Kassenhäuschen mit Emailleherd davor. Rechts das einzig erkennbare Salon-Relikt, ein rotes Samtsofa, und ein Tisch mit Gläsern, Karaffen und Biedermeierstühlen. Um die Esche mit Schwert kommt diese Inszenierung auch nicht rum. Der merkwürdig eingeritzte Stamm, der zu Anfang sogar an eine Alaska-Hütte denken lässt, hat aber dann doch wieder zu viel Fantasy-Plastik. Und wackelt, als Siegmund sein Schwert – in Unterhose auf Socken! – herauszieht! Im letzten Akt kommt noch ein Schrott-Helikopter dazu. Der akustisch durchs Parkett eingeflogen ist. Apocalypse Now lässt grüßen.

Foto © Susanne Diesner
Foto © Susanne Diesner

Sonst hat er keine Botschaft. Denn Marlon Brando kommt nicht. Dafür aber viele Reminiszenzen an Dietrich Hilsdorfs Walküre-Inszenierung in Essen 2009. Auch da saßen im zweiten Akt Hunding, Siegmund und Sieglinde am Tisch, während Wotan und Fricka – hier Renée Morloc wie eine überdimensionierte Cosima-Wagner Gestalt – ausdiskutierten, wer zu sterben hat. Im letzten Akt führten damals auch die Walküren im roten Ballkleid mit Harnisch-Bustier oder -Ornament die gefallenen Helden als Wehrmachtssoldaten mit bloßem Oberkörper in Reiterhosen und Lederstiefeln hinein. Kostümbildnerin Renate Schmitzer war schon damals im Team. Aber zugegeben, es hat in Essen alles kühler und distanzierter gewirkt. Die Regieansätze haben sich, trotz einiger kleiner Fehler, also insgesamt intensiviert. Bleibt jetzt abzuwarten, was Dietrich Hilsdorfs Regiebekenntnis zu einem ersten gesamten Wagnerring im Siegfried an wirklich Neuem bringt. Es war ja auch davon die Rede, dass der Rhein eine Rolle spielen soll … ¶

»Wir da etwa das Patriarchat angeprangert?« Über Dietrich Hilsdorfs neue Inszenierung der Walküre an der @operamrhein in @vanmusik.