Warum Streaming Vorurteile gegenüber der Oper bestärkt. Ein Kommentar von Ilka Seifert.

Text · Datum 22.4.2020

Die großen Kulturinstitute wollen etwas Gutes tun und streamen darum – gratis fürs Publikum –  aus den Opernhäusern, Theatern und Konzertsälen. Groß beworben zeigt die Berliner Staatsoper eine Wiederaufnahme einer mindestens 15 Jahre alten Produktion der Carmen von Bizet. Super Idee. Beim Herumtreiben im Netz gerate ich eher zufällig in die Übertragung. Ich kenne die Inszenierung bereits in der Premierenbesetzung (mit Rolando Villazon als Don José) – kein ganz großer Wurf damals, aber auch nicht so, dass man nicht mal einen Blick hineinwerfen könnte. Jetzt schaue ich und bin unangenehm berührt.

Eine Frau, als Carmen-Klischee in schwarzes Leder gepresst singt – im Übrigen wirklich sehr schön – die berühmte Habanera, immer in Nahaufnahme oder maximal in der Halbtotalen. Um ehrlich zu sein: Ich will das nicht sehen. Jedes Vorurteil, das viele Nicht-Opernbesucher:innen vor sich hertragen – dass dort unbewegliche Sänger:innen an der Rampe stehen und ohnehin nicht viel passiert –, wird da genährt, selbst wenn es heutzutage zum überwiegenden Teil gar nicht mehr stimmt. Diejenigen, die in den kostenlosen Corona-Angeboten des Lockdown einmal die Gelegenheit ergreifen, in solch einen Opernblockbuster reinzuschauen, werden jedenfalls auf lange Zeit nicht für einen leibhaftigen Besuch in diesen Häusern zu gewinnen sein.

Eine Aufführung in Oper und Theater ist für die Totale gemacht. Es geht ums Ganze, alles ist sichtbar, es gibt Nebengeschichten, die Zuschauenden bestimmen ihren Fokus selbst, und es geht ums gemeinsame Erlebnis. Vorm Bildschirm bekomme ich einen Ausschnitt serviert, singend im Close up oft unvorteilhaft für die einzelnen Darstellenden und häufig an der eigentlichen Regieidee vorbeigeschnitten, wenn ich den inszenierten Kommentar am Bühnenrand gar nicht erst gezeigt bekomme, den Blick der Singenden zur Seite nicht nachvollziehen kann, das Orchester nicht sehe und spüre. Die ureigene Künstlichkeit des Genres, die man nicht mögen muss, die aber ein echtes Alleinstellungsmerkmal der Oper darstellt, wird in die Pseudorealität von Fernsehbildern überführt. So lässt sich niemand für diese Kunstform gewinnen. Film ist ein Medium, in dem es genau um diese Regieentscheidungen im Schnitt geht. Für Oper und Theater funktioniert das nicht.

Nach dem Lockdown wird Oper nicht wie vorher sein. Zu Beginn der Schließungen fürs Publikum und jahreszeitlich passend konnte man noch vom »Veranstaltungsfasten« lesen, als ginge es um einen freiwilligen, selbstgewählten und kurzzeitigen Verzicht. Zu befürchten ist aber, dass es mit der Wiederauferstehung nicht so einfach wird und sich an die Veranstaltungskultur nach dem Abklingen der Pandemie nicht so leicht wieder anknüpfen lässt. Neben den gewiss etwas länger anhaltenden und wahrscheinlich nicht einmal unberechtigten Ängsten, sich mit dem Besuch solcher Veranstaltungsorte erhöhter Ansteckungsgefahr auszusetzen, lässt sich die Tatsache nicht leugnen, dass Oper und Konzerte zu überwiegenden Teilen vor allem von den aktuell so bezeichneten Risikogruppen besucht werden, was vielleicht auch mit den zwar zeitlosen, aber nicht immer zeitgemäßen Themen oder Inszenierungen der aufgeführten Werke zu tun hat.

Im besten Falle entsteht nach Monaten der unfreiwilligen Abstinenz ein stärkeres Bewusstsein über die innere Qualität eines Veranstaltungsbesuches, wie besonders und aus dem Alltag herausragend es sein kann, eine starke künstlerische Erfahrung mit anderen geteilt zu haben. Im schlechtesten Falle wird der Ernst dieser Tage dazu führen, diese oft ja auch wirklich belang- und bedeutungslosen Aktivitäten künftig einfach auszulassen. Ist Oper wirklich wichtig? Systemrelevant, wie es jetzt heißt? Das Streaming scheint mir jedenfalls wenig geeignet, den teils berechtigten Zweifel an der Bedeutung der Oper auszuräumen.

Nutzen wir also den kollektiven Stubenarrest, um uns Gedanken zu machen, wie Kunst aussehen oder sich anhören muss, die unserem aktuellen Zustand Rechnung trägt.

Wahrscheinlich ist es dann ohnehin nicht Carmen, die uns von unseren jetzigen Gefühlen erzählen kann. La Corona lieferte inhaltlich ein gutes Thema für die nächste Uraufführungs-Produktion – mitsamt operntauglichem Titel. ¶