Rausch & Räson – Volker Hagedorns Kolumne. Folge 33

Text · Illustration · Datum 9.12.2020

Paul liebt Star Wars, sein Vater den Sacre. Wie sich beide Universen im Alltag berühren, was ein alter Kassettenrecorder damit zu tun hat und warum Töne handfest sein können: Volker Hagedorn taumelt durch die Welten.

Der Schlachtenlärm dringt durch zwei Türen. Jeden Abend ist Krieg bei uns, Star Wars. Um 18.30 Uhr beginnt es, um 20 Uhr ist Schluss, egal an welcher Stelle, dann muss Paul ins Bett. Ich halte nicht viel davon, dass ein Neunjähriger sich Filme ansieht, die »FSK 12« sind, aber er hat mich ausgetrickst – zu raffiniert, um es hier zu rekonstruieren –, und ganz allein ist er nicht. Da ist Frido, der im selben Raum mit Kopfhörern seinem Lieblingsyoutuber huldigt, da ist die Katze, die sich gern neben Filmguckern zusammenrollt, und ich komme ab und zu und schaue nach, ob auch kein Blut fließt, wenn im Universum die Fetzen fliegen.

Manchmal bleibe ich eine Weile da, das liegt auch an der Musik. John Williams’ Themen sind wirklich gut. Und wie suggestiv der Soundtrack  maßgeschneidert wird, das kann man noch so analytisch hören, es wirkt trotzdem. Alles auf die Millisekunde, auf Schuss und Kuss genau – es gibt tatsächlich auch Liebesszenen, herrlich keusch und kitschig und oft auf verblüffend italienischen Terrassen. Und wie sich Battle-Kulminationen von Schlagzeug und vollem Blech in glitzerndes Plinkern auflösen, wenn der Millenium Falcon mal wieder aus einer unentrinnbaren Falle herausgeflogen ist! Die Drehbücher sind nicht besonders logisch, aber die Musik fängt das auf.

Pauls Paralleluniversum setzt sich nicht nur in einer Reihe von Legobausätzen fort, sondern auch am Klavier. Er hat sich die beiden berühmtesten Themen auf den Tasten zusammengesucht, das heldische Titelthema mit der aufsteigenden Quinte und den finsteren Imperial March. Beides wird ausschließlich mit dem rechten Zeigefinger gespielt, worüber ich mich schon deswegen nicht lustig machen darf, weil ich genau so  am PC schreibe – das entspricht meinem Denktempo. Ich lebe auch in einem Paralleluniversum, aber nicht abends, sondern tagsüber, es dominiert meine Arbeitszeit, ist derzeit auf das Jahr 1912 fokussiert und hat sich nun um ein paar Ecken mit Pauls Passion getroffen.

Während Pauls Geburtstag nahte, befasste ich mich mit nichts anderem als der Entstehung des Sacre du Printemps, bis zu den Bleistiftkorrekturen in Strawinskys Noten, seinen Zugverbindungen und den Werken von Kollegen wie Claude Debussy, die man durch die neue Musik schimmern sieht. Mein Kopf war randvoll mit Sacre; der letzte freie Platz auf der Hirnrinde reichte gerade noch, um über ein Geschenk für Paul nachzudenken. Da er sich dauernd mein Interview-Aufnahmegerät ausleiht, um coole Sprüche und Raps darauf zu hinterlassen, entschied ich mich für etwas Ähnliches, aber retro und analog: Ob es wohl noch Kassettenrecorder gab? Aus den 1980ern?

Es gab einen fast fabrikneuen Panasonic, ein einziges Mal gebraucht, schwarz und schwer, für 40 Euro. Um ihn zu testen, ging ich in die Gerümpelecke und stöberte in einem Korb mit uralten Kassetten. Eine war unbeschriftet, ich legte sie ein, drückte auf »Record« und sagte »Ein, zwei, drei, Test«. Zurückspulen, abhören. Prima. Aber nach meinem letzten Wort ging es weiter, mit vollem Orchester. Sacre! Ich hatte mitten in den ersten Teil des Sacre hineingequatscht, ich musste den, mit welchem Orchester auch immer, vor Jahrzehnten aufgenommen haben. Heiliger Schauder! Ich war auf dem richtigen Weg.

Paul sah das erstmal ganz anders. Selten war ein Kind enttäuschter von einem Geburtstagsgeschenk. Eine analoge Maschine und neun leere Kassetten dazu! Er hatte auf Wunder gehofft, einen eigenen PC, um endlich Youtuber werden zu können, oder eine X-Box, oder den »Todesstern« aus Star Wars als Legobausatz mit 4000 Teilen. Und wenn schon Aufnahmegerät, dann digital und nicht so eine Kiste zum Vor- und Zurückspulen! Es war, als hätte ich ihm ein Steckenpferd aus der Kaiserzeit überreicht. Das Gerät wurde zum Einstauben beiseite gelegt.

Aber nun hat er es doch entdeckt. Auf dem digital voice recorder, den Paul sich sonst auslieh, klingt Klavier wie der Klagegesang einer Blechente. Auf dem alten Panasonic klingt es wie ein Klavier. Vor ein paar Tagen lag das Retroding auf den oberen Tasten und nahm auf, während Paul auf den mittleren Tasten seine Lieblingsthemen mit dem Zeigefinger zum Klingen brachte. Eigentlich wollte er das heimlich machen; ich kam nur zu früh nach Hause. Er meinte, er brauche die Aufnahme für die Schule. Schon okay! Ich sagte nichts, das wäre verheerend. Ich sagte nicht mal, dass der Panasonic etwa so alt ist wie Die Rückkehr der Jedi-Ritter, 1983, die dritte der neun Star Wars-Episoden.

Star Wars, ›Sacre du printemps‹ und ein alter Kassettenrekorder – Volker Hagedorns neue Kolumne in @vanmusik.

Ich freue mich nur, wie bei uns allmählich die Epochen durcheinandergeraten. 2020 ist eh zu eng, man kann ja fast nirgends hingehen. Die Paralleluniversen verlieren dafür ihre Grenzen. Auf dem Klavierpult stehen die Noten von Sacre und Star Wars nebeneinander und vertragen sich so gut wie der Flügel von 1915 mit dem Recorder von 1983. Paul träumt vom galaktischen Kampf zwischen Gut und Böse wie ich von der Pariser Sommerhitze 1912, das hat ein bisschen was von Flucht. Aber ausgerechnet in den Tönen werden die Träume handfest und alltagstauglich von uns am Klavier nachgestochert, besser als jedes Laserschwert und jede historische Zeitungsnotiz. Mit den Tönen halten wir durch. Und mit ziemlich viel Pizza. ¶