Rausch & Räson – Volker Hagedorns Kolumne. Folge 26

Text · Illustration · Datum 29.1.2020

Es gibt Aufnahmen, die man nach einem Hören nie mehr vergisst. Drei Favoriten aus den 1930ern hat Volker Hagedorn jetzt wieder erkundet – und festgestellt, dass die Dirigenten Walter, Toscanini und Mengelberg noch immer jeden lebenden Kollegen herausfordern. Und die Hörer*innen sowieso.

Gefährlicher ist der Wald nie gewesen, gehetzter kein Flüchtender. Wer das hört, kann sich nicht zurücklehnen, und staunt, dass gerade vier mal fünf Notenlinien dafür reichen – nur Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässe. Das Dunkel tremoliert nicht einfach nur auf dem d. Es atmet, heftig sogar, eng umschließt es den, dessen Schritte schneller werden, in angeschärften Bassvierteln, latent beschleunigt wie bei einem, der sich nicht eingestehen will, dass er Angst hat. Dann flammen Bläser auf, halb Suchscheinwerfer, halb verzweifelte Schreie, schließlich ist ein Haus erreicht: »Wes Herd dies auch sei, hier muss ich rasten.« Selbst wer das Stück noch nie gehört hat, versteht jedes Wort – im Wortsinn wie aus der Spannung der 151 Orchestertakte zuvor.     

So beginnt die Walküre in der Aufnahme des ersten Akts, die an drei Junitagen des Jahres 1935 in Wien entstand. Bruno Walter, 59, dirigiert die Wiener Philharmoniker, Siegmund ist Lauritz Melchior, Sieglinde ist Lotte Lehmann. Zwei Jahre zuvor war Walter von den Nazis aus dem Leipziger Gewandhaus vertrieben worden. In Wien konnte er noch arbeiten – und befreite Wagner vom mulmigen Überwältigungspathos, das dessen dumpfere Bewunderer so schätzten. Die Individualisierung jedes Tons, jedes Tempos, jeder Phrase lässt allen Opernnebel zurück. Hier wird wahrhaftig Existenz verhandelt. Hier bedeutet ein Punkt über einem Ton nicht, dass er kurz ist, sondern dass er vor Energie fast platzt, piano heißt Anlaufnehmen und crescendo heißt Adrenalin.

Vor acht Jahren hörte ich die Produktion zum ersten Mal. Als ich neulich über Aufnahmen nachdachte, die man einmal hört und nie wieder vergisst, kam sie mir wieder in den Sinn, und zwei andere dazu, in zeitlicher Nähe entstanden. Kein Wunder. Wenn man erstmal bei Bruno Walter landet, in der ersten Generation wichtiger Dirigenten nach Hans von Bülow, ist es zu Willem Mengelberg und Arturo Toscanini nicht mehr weit, für mich untrennbar verbunden mit Strauss´ frühem Don Juan und Tschaikowskys letzter Sinfonie. Sind diese Aufnahmen, wollte ich wissen, noch immer so aufregend wie beim ersten Hören vor acht bis zwanzig Jahren? Auf derselben alten Anlage?

Sie klingen allesamt so existentiell, dass ich angesichts der Aufnahmedaten ins Grübeln komme. Walters Walküre: 1935 in Wien. Mengelbergs Don Juan: 1938 in Amsterdam. Toscaninis Pathétique: 1938 in New York. Von heute aus gesehen ist es das Ende einer kurzen Zeit zwischen zwei Weltkriegen. Zudem waren es aber Dirigenten auf der Höhe ihrer Kunst, in deren Kindheit und Jugend diese Werke ihren Weg begonnen hatten. Toscanini war Mitte Zwanzig, als Tschaikowsky starb, Walter kam zur Welt, als Wagner sein Festspielhaus eröffnete, Mengelberg war nur sieben Jahre jünger als Strauss. Diese Nähe hört man bei allen, aber nicht als kuscheliges Vertrautsein. Im Gegenteil, die Dirigenten und Musiker sind brennend neugierig auf das, was da passiert.

Bei Walters Walküre ist die politisch beängstigende Situation nicht wegzudenken, aber sie verengt nichts: Intensität und Differenzierung sind untrennbar, ebenso wie bei Mengelberg. Sein Don Juan klingt nicht wie ein Tanz auf dem Vulkan, eher wie ein Tanz mit dem Tiger – ein böses Raubtier, das einen glücklich macht. Blechbläsertöne werden mehr entblößt als geblasen, als fletsche es seine Zähne. Falls es auch akustische Mängel sein sollten, die sie schärfen, dann verstärken sie nur, was Mengelberg verlangt – und dazu gehören unzählige Aktionsebenen und Farben. Wäre es vor allem das Rauschen, die krachtrockenene Akustik solcher Aufnahmen, die uns nostalgisch fasziniert, müssten uns hunderte beeindrucken. Es ist eher so, dass viele Orchester, auch solche von heute, in so einem Klang dastünden wie der Kaiser ohne Kleider.

Im Vergleich zu Walter, Mengelberg und Toscanini klingt Currentzis eher lau. Volker Hagedorn über drei Aufnahmen, die er einmal hörte und nie wieder vergaß, in @vanmusik.

Das bleibt auch Arturo Toscanini nicht erspart, solange er am 29. Oktober 1938 Bachs Zweites Brandenburgisches dirigiert wie einen Bauhaus-Entwurf. Aber dann legt er das Affektpotential in Tschaikowskys Pathétique so offen, dass es bis zu Gesualdo zurückreicht und der dritte Satz einen geradezu anspringt in seiner Körperlichkeit. Es gibt keinen einzigen Ton in diesem Allegro molto vivace, egal ob in einer Triolenkette oder den punktierten Rhythmen, der nicht lebt und spricht, keine Kontrapunktik, die nicht sofort den Raum erweitert. Die markante Achtelsynkope im Thema wird selbst zum Thema, zur rebellischen, widerständigen Silbe, die gar nicht scharf genug gesprochen werden kann. Wenn ich danach Teodor Currentzis anno 2017 mit derselben Partitur höre, kommt mir Herbert Wehners Satz in den Sinn: »Der Herr badet gern lau.«

Aber das ist nicht ganz fair – wie auch Wehner gegenüber seinem Parteifreund Willy Brandt. Wir brauchen keine Musiker*innen, die so spielen wie die vor achtzig Jahren, sondern solche – zum Glück gibt es sie – die selbst so gegenwartsnah sind wie jene. Für sie war die Musik des späten 19. Jahrhunderts noch Teil ihrer Zeit, populär schon, aber noch nicht durchgeritten und vom Fettglanz eines »Kernrepertoires« überzogen. Sie könnten ihre Kollegen auf die kühne Idee bringen, sich ein bisschen mehr mit der Musik seit 1960 zu befassen. Von da tun sich auch neue Wege zu Strauss & Co. auf… Was noch fehlt? Zwischenapplaus! Wie der, in den 1938 die New Yorker nach dem dritten Satz ausbrachen. Das musste einfach sein. Die Leute hörten nicht nur zu – sie gehörten dazu. ¶