Neu in VAN: Rausch & Räson – Volker Hagedorns regelmäßige Kolumne. Hier die erste Folge.

Text · Illustration · Datum 27.9.2017

Bei jedem zweiten großen Gipfel und Neustart wird sie als Symbolwerk gespielt: Beethovens Neunte. Demnächst wieder in Berlin. Kann man dem Werk nach 193 Jahren nicht eine Pause gönnen – und eine Zehnte nehmen?

(Anmerkung der Redaktion: Volker Hagedorns kluge Gedanken schätzen wir schon lange. Egal, ob er selber Artikel schreibt, als Buchautor Interviews gibt oder Playlists zusammenstellt. dürfen sich nun alle zwei Wochen auf seine Gedanken in Rausch & Räson freuen.)

»Neunte ungültig – Beethoven war gedopt«, so stand es vor sieben Jahren im Berliner Tagesspiegel. Das war natürlich keine Meldung aus der Wissenschaft, sondern – frei nach einem »Titanic«-Titel die Überschrift zur Rezension eines Theaterstücks rund um den tauben Titanen: Genial, diese Zeile. In der grotesken Fallhöhe zwischen Gipfelwerk und illegaler Drogenzufuhr ermisst man gleich die ganze Rezeptionsgeschichte, die »die Neunte« zu einer Metamusik aufblies, vor allem den letzten Satz mit der Ode an die Freude, oft als Auskoppelung geboten – die drei anderen Sätze sind Vorspiel zur Menschheitsbotschaftsmusik schlechthin. Unbezweifelbar, allumfassend, Gassenhauer und Hochamt, beliebt als Affirmationsmusik für Demokraten und Diktatoren, nicht zuletzt, weil da so viele auf einmal spielen und singen.

»Die richtige Musik für die Massen«, fand Stalin, während es auch die »richtige« Musik für die Reichsparteitage der NSDAP war und 1972 für Europa, zu dessen Hymne die Freudenmelodie offiziell erklärt wurde. Für die Olympischen Spiele ebenfalls und 1989 für den Mauerfall, den Leonard Bernstein mit zwei Aufführungen der Neunten im Westen und im Osten Berlins und der Textänderung von »Freude« zu »Freiheit« feierte. Das weiß man ja alles, und auch: dass Beethoven für die Textauswahl und die Komposition verantwortlich ist, aber nicht für die Guten und Bösen, Dummen und Klugen unter seinen Bewunderern. »Sie ist […] das Meisterwerk, über das am meisten Unsinn geschrieben wurde. Man muss sich nur wundern, dass es unter dem Wust von Geschreibe, den es hervorgerufen hat, nicht längst schon begraben liegt.«

Das schrieb Claude Debussy schon 1901, und so gesehen müsste mein Text jetzt schnellstens enden. Aber vielleicht lässt sich mit weiterem Geschreibe der Grabdeckel ein wenig heben, unter dem das Werk inzwischen tatsächlich liegt – ein stetig wachsendes Sedimentgebirge aus tausenden von Seiten Sekundärliteratur, hunderten von Aufnahmen und vor allem: repräsentativen Anlässen, die kein Ende nehmen. Der zuletzt spektakulärste war der G20-Gipfel in Hamburg, die Gala in der Elbphilharmonie, die mit dem Finale der Neunten auch schon eingeweiht worden war. Der türkische Präsident Erdoğan machte sich beim Gipfel insofern um das Werk verdient, indem er der Aufführung fernblieb und damit hoffen ließ, dass er, wenn er seine politischen Ziele erreicht hat, das nicht auch noch mit der Neunten feiern wird.

Musiker, die zu staatstragenden Neunten abgeordnet werden, ist ihre Mitarbeit nicht vorzuwerfen. Dass aber Klangkörpern zu bedeutenden Anlässen selbst nichts anderes einfällt, ist verwunderlich. Opus 125 wird am 30. September sowohl zur Wiederöffnung der Staatsoper in Berlin (im Freien »für alle«) als auch zur Saisoneröffnung des Züricher Tonhalleorchesters (mit Liveübertragung ins Freie) gespielt. Für alle? Schauen wir uns mal an, was da so gesungen wird. »Wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein!« Und was ist mit denen, die gar kein holdes Weib erringen möchten? Oder eines verloren haben? Halt, es geht noch weiter. »Ja, wer auch nur eine Seele / Sein nennt auf dem Erdenrund! Und wer´s nie gekonnt, der stehle / weinend sich aus diesem Bund!« Soviel zur »ganzen Welt«. Das ist natürlich eine unhistorische Kritik am Werk und es gibt mildernde Umstände. Beethoven lässt das »weinend« einmal zum piano dimmen, als täte es ihm leid um die Outsider. Das wird selten so gespielt.

»Beethoven lässt das ›weinend‹ einmal zum piano dimmen, als täte es ihm leid um die Outsider. Das wird selten so gespielt.« Ab und an schon, wie hier auf Jos van Immerseels Aufnahme  der Neunten mit Anima Eterna. 

Und dann fand Friedrich Schiller selbst seinen Text, ursprünglich ein Trinklied, von Beethoven nur nachträglich entalkoholisiert, peinlich. Nur mit dem »fehlerhaften Geschmack der Zeit« konnte er sich erklären, dass An die Freude so in Mode kam. Er übersah dabei großzügig die Französische Revolution, nach der eine Zeile wie »Alle Menschen werden Brüder« politisch konkret etwas bedeutete, wenn auch längst kein Frauenwahlrecht. Revolutionär war es dann vom Komponisten, in eine Sinfonie Sänger einzubauen. Man kann trotzdem fröhlich weiterdemontieren und abfällige Bemerkungen großer Komponisten besonders zum Finale zitieren, man kann herumalbern, ob Beethoven nicht wirklich gedopt war – der Mittfünfziger wirkte so verwahrlost, dass er einmal als vermeintlicher Landstreicher inhaftiert wurde …

Nein, ein Geniewerk möge es bleiben, oder besser: Wieder werden können, unverbaut von glattem Einverstandensein, unbelastet von diplomatischem Kalkül, von »Es ist erreicht« oder »Alles wird gut« oder »Und jetzt alle!« Das ist allerdings kaum möglich. Das Mitsingpotential hat Ludwig ja selbst eingebaut in sein Schlussthema. Und es wäre geradezu utopisch, eine von ihrer Nachwelt befreite Neunte zu verlangen. Die werktreueste Interpretation wäre zur Zeit wohl der Verzicht auf die Neunte als offizieller Harmonieerzwingerin, Jahreswechsler und Saisonstarter. Ja, und was sollen die Orchester dann spielen, wenn sie symbolhaft Signale für die Zukunft setzen wollen? Himmel nochmal, eine Zehnte! Es stirbt nämlich nicht jeder Komponist nach seiner Neunten.

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Wenn’s was Neueres sein darf: Es gibt eine wunderschöne Zehnte von Hans Werner Henze, Deutschlands bestem Italiener. Sinfonia N. 10, 2000 in Birmingham uraufgeführt. Großes Orchester, vier Sätze, beginnt weltoffen mit uneuropäischem Wassergong, berührt dann viel Romantik, ohne regressiv zu sein, nimmt das Orchester mit seinen Traditionen ernst, hat sogar einen »Hymnus«, leuchtet, berührt, beglückt, wurde in Deutschland dreizehn Mal gespielt. Kommt so etwas gar nicht erst in Frage für einen Start in die Zukunft? »Oh Freunde, nicht diese Töne!« Trauen die Musiker, hochqualifiziert und selbstbewusst, sich und uns im Grunde nichts zu? Vielleicht sind sie gedopt: Mit einer Bremsflüssigkeit, die Beethoven nicht kannte. ¶