Ein Porträt.

Text · Foto privat · Datum 28.8.2019

Axel Hinrichsen ist gerade den Grünen Hügel hochgerollt, im Rollstuhl, mit Hemd und Sakko. Sportlich. Es ist (natürlich) heiß in Bayreuth. Im Festspielhaus schwebt gleich der blaue Lohengrin los. Seit zehn Jahren kommt Hinrichsen jeden Sommer hierher. Beim ersten Mal war er 17. Da war gerade Richard Wagner in sein Leben getreten. Der ist jetzt immer noch da. Jeden Tag. Wie lebt es sich mit ihm?

VAN: Herr Hinrichsen, wie sind Sie Wagners Musik zum ersten Mal begegnet?

Axel Hinrichsen: Lustigerweise durch eine Bierwerbung im Fernsehen. Radeberger hat früher in seinen Spots den Einzug der Gäste aus dem Tannhäuser gespielt. Das hat mich total gepackt. Ich habe dann meine Mutter gefragt: Was ist das? Und sie sagte: Tannhäuser. Sie gab mir eine Aufnahme und von da an war es um mich geschehen.

Sie waren noch recht jung…

Ja, erst 16 Jahre. Ich hatte aber schon Gesangsunterricht und mein Lehrer war Wagnerfan. Den konnte ich dann sofort über Bayreuth ausfragen. Er hat hier studiert und erzählte mir, dass er jeden Abend zum Hügel hochgefahren und einmal ums Festspielhaus herumgegangen ist. Das war wohl so eine Art Wallfahrt. Das hat mich sehr beeindruckt, dass jemand sowas macht! Manchmal haben ihn die Blauen Mädchen auch in eine Vorstellung reingeschmuggelt.

Kommen Sie aus einer musikalischen Familie?

Meine Mutter ist Ärztin und begann als Teenager, sich für Oper zu interessieren. Sie gab damals extra Nachhilfeunterricht, um sich Platten kaufen zu können. Davon habe ich dann profitiert, denn die Platten gibt es immer noch. Sie hat mir alles über Oper beigebracht. Sie hat nie selber Musik gemacht, kann aber Gesang seriös beurteilen. Durch meinen Gesangsunterricht habe ich einen semi-professionelleren Background und interessiere mich bei Wagneropern besonders für die Stimmen. Und es gibt noch einen Onkel, der zwar an und für sich nicht musikalisch ist, aber irgendwie kürzlich auch seine Liebe zu Wagner entdeckt hat. Der kann ganze Seiten aus Cosimas Tagebuch adhoc.

Wie findet man mit 16 Zugang zu Wagners Sprache?

Ich hatte einen unglaublichen Wissensdurst. Und ich habe viele Vorträge gehört, von Stefan Mickisch und Joachim Kaiser zum Beispiel. Da wurden die Stoffe und auch die Partituren erklärt. Ohne diese Bausteine wüsste ich vieles nicht. Ich bin immer tiefer eingedrungen, wollte immer mehr verstehen. Mir wird dabei nie langweilig, diese Kunst ist so groß. Ich könnte mich damit hundert Jahre beschäftigen.

Hat Wagner Ihnen die Jugend geklaut?

Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, dass man als Teenager ungewöhnlich ist und sich einsam und allein fühlt. Ich habe eine Zerebralparese und sitze seit ich klein bin im Rollstuhl. Mein Leben war nicht immer einfach. Wagner hat mich getröstet. Umso mehr, je älter ich werde. Aber er hat mich sicher auch von meinen Altersgenossen getrennt.

Die hörten eher Popmusik.

Ich bin schon feiern gegangen. Aber ich kann mich von Partymusik nicht so berieseln lassen. Das ist für meine Ohren anstrengend. Die Nähe zu Gleichaltrigen hat mir halt gefehlt, weil ich mich für deren Themen nicht interessiert habe und die sich nicht für meine. Schicksal eines jungen Wagnerianers. Das hat sich aber schlagartig geändert, als ich hier der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth beigetreten bin. Endlich!

Sie wohnen in Flensburg, haben Sie da keine norddeutschen Wagnerianer gefunden?

Nein. Selbst in meinem Chor – okay, es ist ein Bachchor – habe ich keine Wagnerfans gefunden. Nur den Chorleiter. Ich denke immer, wenn man sich für klassische Musik interessiert, kommt man doch an Wagner nicht vorbei! Selbst wenn man sonst Alte Musik hört… Dank der Bayreuth-Freunde kann ich jetzt auch noch an den Generalproben hier teilnehmen. So bin ich mindestens zweimal im Jahr für ein paar Tage hier.

Sie kommen seit zehn Jahren nach Bayreuth, was war Ihr größtes Highlight?

Es gab so viele. Das ist schwer. Ich fand den Lohengrin von Neuenfels toll, den Rattenlohengrin. Den jetzigen blauen Lohengrin finde ich auch faszinierend, aber die Ratten waren besser. Auch der Castorf-Ring ist ein Favourite. Seitdem ich aber herkomme, werde ich so verwöhnt, da gibt es keine Ausreißer nach unten.  

Was ist die eindringlichste Erinnerung neben den Opern selbst?

Die Jagd nach Karten! Wir sind die ersten Jahre immer ohne Karten hergefahren, hatten einfach keine bekommen. Und dann stellt man sich halt ans Kartenbüro oder rennt mit Schild rum.

Und das klappt tatsächlich?

Man muss hartnäckig sein, dann ja. Seit 2015 kaufen wir regulär Karten. Ich komme immer mit meiner Mutter her. Aber auch das ist eine Schnitzeljagd. Wer drückt auf der Website zuerst um 14 Uhr den Button? Es ist nervenaufreibend.

Welches Verhältnis haben Sie zum Festspielhaus selber? Ist es ein Wallfahrtsort?

Ganz so schlimm ist es nicht. Aber das Haus ist genial. Ich komme immer noch nicht damit klar, dass ein Mensch das konzipiert hat. Richard Wagner! Und das ohne Akustiker. Vergleichen Sie das mal mit der Elbphilharmonie. Es gibt einfach Menschen, wie Richard Wagner, aber auch manche Sänger und Dirigenten, die sind mit einem solch großen Talent gesegnet, dass man es kaum glauben kann.

Sie waren auch in der diesjährigen Neuproduktion, dem Tannhäuser von Tobias Kratzer. Wie fanden Sie den?

Ganz, ganz toll. Ich hatte das Glück, dass nicht Valery Gergiev meine Vorstellung dirigiert hat, sondern Christian Thielemann. Er ist mein absoluter Lieblingsdirigent. Wie man so komplexe Werke auswendig dirigieren kann! Und wie er immer was Neues rausholt, das ist doch beeindruckend. Es klingt nie gleich. Schöner kann man das Lohengrin-Vorspiel nicht dirigieren. Es gibt andere tolle Wagnerdirigeten, Petrenko oder Jordan, aber ich bin für Thielemann.

War die Inszenierung mit den vielen Videos und dem Gefolge der Venus, die nicht im Libretto steht, ihr Fall?

Die Inszenierung war herrlich. Venus mit Trashgang! Der Zwerg war subtil, Le Gateau Chocolat war großartig, auch wenn ich den Unterschied zwischen Drag Queen und Travestiekünstler noch nicht verstanden habe. Die Pilgerchoristen als Kapitalismusverlierer! Der dritte Akt als Schrottplatz! Das hatte eine unglaubliche Dichte. Die Videos von Manuel Braun wurden ja teilweise live gedreht, das ist schon fantastisch. Als ich aus dem Tannhäuser raus bin, war ich einfach nur glücklich.

Hat Ihnen was nicht gefallen?

Nö.

Ist ihnen bei Wagner jemals langweilig?

Nee, tatsächlich nicht. Höchstens… vielleicht…. obwohl… nein. Eigentlich nicht. Im Festspielhaus kann man ermüden, wenn es sehr heiß ist, aber das liegt nicht an der Musik. Das liegt am Sauerstoffmangel. Langweilig ist mir bei den Aufführungen nie und auch nie gewesen. Ich finde alles spannend. Im Hauptwerk. Ich hab in Leipzig mal den Rienzi gehört, der ist noch sehr tschingderassasa, da würde ich sagen, der hat Schwächen. Da denkt man bei manchen Stellen: Muss das jetzt sein? Aber im Hauptwerk ist mir nie langweilig.

Hören sie täglich Wagner?

[lacht] Ja, natürlich! Nicht jeden Tag eine ganze Oper, aber Auszüge schon. Ich brauche das. Zurzeit schreibe ich zum Beispiel viele Bewerbungen. Da pack ich mir meine Airpods ins Ohr und höre was Motivierendes von Wagner.

Was hört man, wenn man eine Bewerbung schreibt – wahrscheinlich nicht Siegfrieds Trauermarsch, oder?

Meine Lieblingsoper ist ja der Tristan. Also höre ich viel Tristan. Mal hab ich Lust auf die Meistersinger, mal Lohengrin, mal Tannhäuser. Das ist ganz unterschiedlich. Die Tannhäuser-Ouvertüre eignet sich gut zum Bewerbungen Schreiben, das kann ich empfehlen. Jeden Tag ein bisschen Wagner ist schon drin. Aber man kommt sich dabei manchmal crazy vor.

Ausgerechnet den Tristan zur Motivation? Ich war im dritten Akt Tristan hier im Festspielhaus kurz davor ohnmächtig zu werden, wegen eigentlich allem

Es ist irre intensiv. Es gibt ja kein Handeln im Außen. Der Tristan ist die Vertonung von allen psychologischen Vorgängen, die in Menschen vorgehen. Der dritte Akt ist so faszinierend, weil da jemand im Fieberwahn wütet. Er ist auch traurig und rührt mich manchmal zu Tränen. Die Depression, die da drin ist, geht mir sehr nahe. Man braucht danach Ruhe. Ich gebe mich dem aber ganz hin. Die Musik dort erinnert mich an die Zeiten, in denen ich es mit meiner Behinderung nicht einfach hatte und sehr traurig war.

Aber es geht doch auch Trost aus von Wagners Musik?

Das Tolle an der Oper als Kunstform ist ja, dass sie hilft, die Welt zu verstehen, alles was Menschen erleben ist ja irgendwie verarbeitet. Die typisch Wagnerschen Themen Liebe und Erlösung haben Ewigkeitsbestand. Die Oper spiegelt die eigenen Lebenssituationen und hilft einem dabei, sich und andere zu verstehen.

Haben Sie Wagners theoretische Schriften gelesen?

Nein. Ich habe ›Das Judentum in der Musik‹ nicht selber gelesen, kenne aber die einschlägigen Zitate. Das ist ein schlimmes Pamphlet. Es ist heikel und schwierig. Wagners Musik ist eben bombastisch und eignet sich für Propaganda, aber man kann ihm doch keine Verbrechen anlasten, die nach ihm geschehen sind. Die Musik ist missbraucht worden, dafür kann sie nichts. Man muss sich dessen als Wagnerianer bewusst sein. Manchmal wird man angegriffen: Wie man sowas hören könne?! Wagner sei so ein schwieriger Charakter gewesen. Ich sage mir dann immer: Arschlöcher gibt es viele. Luther war übrigens auch Antisemit, aber kein Protestant muss sich dafür rechtfertigen, dass er gern Protestant ist.

Hätten sie Wagner gern kennengelernt?

Ich hätte ihn gern kennengelernt und ich wäre auch gespannt gewesen, in welchem Samtmantel er auftritt.

Was hätten Sie ihn gefragt?

Wenn er heute lebte, dann würde ich ihn jetzt fragen, was man von der Hans-Sachs-Schlussansprache über deutsche Meister auf heute übertragen kann. Wenn er wüsste, was in der Rezeption mit dieser Oper passiert ist, da würde mich interessieren, was er davon hält.

»Die Tannhäuser-Ouvertüre eignet sich gut zum Bewerbungsschreiben.« Axel Hinrichsen hört jeden Tag Wagner. Ein Porträt in @vanmusik.

Früher galten Wagnerianer als Schwärmer und als lautstarke Störer von Opernaufführungen, wie Fußball-Ultras sozusagen. Heute umgibt sie ein elitärer Nimbus. Was sagen Sie, muss man als Wagnerfan besonders klug oder musikalisch sein?

Ich empfinde Wagnerfans nicht als elitär und ich kenne einige. Wenn man sich in seine Musik begeben will, findet man auch einen Zugang. Allerdings: Um sowas wie den Parsifal zu verstehen, muss man sich mit anspruchsvoller Musik auseinandergesetzt haben. Ich würde mit einem Neuling bei Tannhäuser oder Lohengrin beginnen.

Die Bayreuther Festspielzeit neigt sich dem Ende zu, Sie müssen wieder nach Flensburg, zum Bachchor ohne Wagnerfans. Haben Sie schon einen nächsten Operntrip geplant?

Ja.

Wohin geht er?

Nach Köln.

Und was wird gegeben?

Tristan. [lacht] ¶