Ein Besuch in Cameron Carpenters Studio in Berlin.

Text · Fotos András Vizi · Datum 11.12.2019

Im November 2014 veröffentlichte Sony Masterworks die Dokumentation Cameron Carpenter: The Sound of My Life als Beigabe zum im Sommer desselben Jahres erschienenen Album If You Could Read My Mind des amerikanischen Organisten. Im Film sieht man Carpenter, wie er sich das T-Shirt von der gestählten Brust reißt; wie er auf der einst legendären Berliner Schwulenparty »Chantals House of Shame« tanzt; wie er mit melancholisch in die Ferne schweifendem Blick an einem Strommast lehnt und raucht. Und das ist nur der zweiminütige Trailer. Der Film sieht aus wie der klägliche Versuch, die Aura eines Rockstars zu erschaffen – von einem Regisseur, dessen gesammeltes Wissen über Rockmusik aus einem kurzen Gespräch mit dem Neffen eines ehemaligen Groupies stammt.

Der Trailer ging viral – aber nicht aus den Gründen, die sich die Macher*innen erhofft hatten. Fast 165.000 Mal wurde er mittlerweile gesehen (viel, wenn es um die Orgel geht). War Carpenter zuvor schon Opfer von Hasskommentaren im Netz geworden, goss dieses Video Öl ins Feuer. Auf Reddit schrieb jemand, Carpenter sehe aus, als sei er aus Sperma geschnitzt. Ein anderer kommentierte, er habe schon nach weniger als einer Minute Zuschauen große Lust gehabt, dem Organisten ins Gesicht zu schlagen. Ein dritter beschrieb den Trailer wie folgt: »Fünf Minuten lang holt sich ein Hipster-Arschloch auf sein eigenes Ego einen runter, dann hat er eine Minute lang einen Anfall an der Orgel.« Obwohl der Trailer mittlerweile fünf Jahre alt ist, schwemmt die Aufmerksamkeitsökonomie des Internets ihn von Zeit zu Zeit an die Oberfläche. Vor ein paar Monaten hieß es dazu auf Reddit: »Ich LIEBE seine Leidenschaft, beneide ihn sogar darum. Definitiv der coolste / einzig wahre Organist. ABER wenn ich mit ihm zu Abend essen müsste und ihm dann zuhören würde, wie er über sich selbst spricht, müsste ich wahrscheinlich kotzen.« Ein anderer nannte Carpenter ein »lebendes Meme«.

Auch Carpenter hat diese Kommentare gelesen. Die Demütigung, die die Veröffentlichung von The Sound of My Life für ihn bedeutete, sei zum schlechtesten aller Zeitpunkte gekommen, erzählt er heute. Er war gerade dabei, sich einen Namen zu machen als Organist, dessen Energie ansteckend und Interpretationen spannend, wenn auch nicht immer ausgefeilt waren. Mit der in Needham, Massachusetts, ansässigen Orgelbaufirma Marshall & Ogletree hatte er die International Touring Organ entwickelt, die in einer Art digitalen Synthese das beste aller Orgeln in sich zu vereinen sucht. Carpenter, der sich, wie er mir erzählt, »technisch gesehen« im Bereich des Autismus-Spektrums befindet, entwickelte den Verdacht, dass sich der Regisseur des Films, Thomas Grube, über ihn lustig machen wollte. (Grube verneint dies: »Ich finde, der Film zeigt ziemlich viel über die Persönlichkeit: ein gutes, ehrliches Porträt.« Die Darstellung im Film sei für 2014 treffend gewesen.) »Als das Video rauskam, haben sich alle, zurecht, drüber lustig gemacht, auf Reddit, in Late-Night-Shows, und ich musste dann sehen, wie ich damit klarkomme. Ich hatte das Gefühl, überhaupt nicht mehr auf Social Media oder sonst wie online unterwegs sein zu können – oder überhaupt in der Öffentlichkeit.«

Ich treffe Carpenter an einem düsteren Novembernachmittag in einem Industriegebiet im Norden Berlins. Hier hat der Organist sein Studio, in dem er auch sein Instrument lagert, wenn er nicht auf Tour ist. Wir gehen einen grauen Korridor entlang, uns kommen aus einer Tramfabrik Mechaniker*innen entgegen, Schichtwechsel. Hinter einer unscheinbaren Tür zeigt Carpenter mir die Festplatten, auf denen die Soundfiles seiner Orgel gespeichert sind. Pedale und Manuale werden von einem Zelt aus schwarzem Tuch verborgen, in das wir hineinschlüpfen. Carpenters Haar ist kurz geschoren, militärisch, und er trägt einen grauen Trainingsanzug. Vorsichtig wechselt er seine Sneakers gegen Orgelschuhe. Während unseres Gesprächs spielt er immer mal wieder stumme chromatische Skalen mit Händen oder Füßen.

Carpenter arbeitet in »der Einsamkeit eines Mönchs«, wie er es ausdrückt, und tatsächlich ist es in seinem Studio kalt und still wie in einem mittelalterlichen Kloster. Aber seine Zurückgezogenheit ist nicht völlig selbstgewählt. Carpenter möchte das Instrument schützen; er hat Angst, dass sich jemand ins System seiner Orgel hacken könnte. Auf den Manualen steht ein Laptop mit einem Hinweis, dass dieser nicht mit dem Internet verbunden werden soll. Das Instrument ist Carpenters Lebenswerk, wie Borges’ Bibliothek von Babel für die Geschichte des Orgelklangs. Ein zerbrechliches Projekt. Carpenter klingt zwischendurch ängstlich, wenn er darüber spricht.

Seine International Touring Organ musste immer wieder Feindseligkeiten von anderen Organist*innen einstecken, die der Meinung sind, dass nur Instrumente, die mit einem Luftstrom arbeiten, den Namen »Orgel« verdienen. »Zu behaupten, dass diese digitale Orgel die Präsenz und die Details eines wirklichen Orgelklangs mit echten Pfeifen erzeugen kann, ist absurd«, schrieb David Yearsely in Counterpunch. »Bald wird die ITO Geschichte sein, während andere große Monumente der europäischen Orgelkunst weiterhin bezaubern und inspirieren, wie sie es in den fünf Jahrhunderten zuvor auch schon getan haben.« Olivier Latry, der Titularorganist von Notre-Dame in Paris, sagte: »Eine Orgel – und das können Sie in jedem Lexikon nachschlagen –  ist etwas, das aus Manualen, Gebläse und Pfeifen besteht. [Carpenters] Instrument hat Manuale, aber kein Gebläse und keine Pfeifen. Also ist es keine Orgel.«

2018 erklärte der Organist David di Fiore im Gespräch mit The Verge: »Mir gefällt es nicht, wenn manche die großartigsten Instrumente der Welt links liegen lassen und stattdessen auf, sagen wir mal, weniger gute Produkte zurückgreifen.« Zum Hohn über die Darstellung seiner Person gesellt sich in Carpenters Fall die Ablehnung seines künstlerischen Projekts aus ideologischen Gründen.

Carpenter hat zu viel in die Entwicklung dieses Instruments gesteckt, um jetzt umzukehren. Für den Bau der Orgel hat er einen Kredit in sechsstelliger Höhe aufgenommen, bei dessen Absicherung ihm sein Management aushalf. (Die am Bau beteiligten Firmen Marshall & Ogletree und RA Colby berechneten Freundschaftspreise.) Die Kosten für Unterhalt und Instandhaltung der Orgel zahlt Carpenter selbst. »Das Wort ›ruinös‹ ist definitiv passend«, meint er. »Und ich sage das nicht zum Scherz. Es geht ja nicht nur um die Anschaffungskosten, auch das Benutzen und vor allem das Bewegen kostet Geld.« Vor kurzem hat er 45.000 Dollar investiert, um die Kolben des Instruments für seine nächste Tour neu zu verkabeln. Carpenter ist sich bewusst, dass er den Kampf eines Don Quixote führt, und das auf mehreren Feldern gleichzeitig: musikalisch, technisch, philosophisch. »Habe ich mir hier ein Problem geschaffen, weil ich eins brauche? Das kann ein Psychologe oder Psychiater besser beurteilen – und einige haben es schon erfolglos versucht«, sagt er selbst über sein Instrument. Über den Manualen, an die Zeltwand geheftet, hängen Fotos seiner wenigen Helden: Die Mathematiker John von Neumann, Claude Shannon, Benoit Mandelbrot, Gaston Julia und Georg Cantor; der Komponist Percy Grainger und der Organist Edwin H. Lemare. »Alle, die ich bewundere, haben auf die eine oder andere Art gelitten auf dem Weg zu ihren neuen Errungenschaften«.

Carpenter unterschrieb 2013 bei Sony. Er hatte das Gefühl, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, um sich in der kleinen Nische der virtuosen atheistischen Organist*innen zu etablieren. Im Vertrauen darauf, »dass die verantwortliche Person einen guten Job machen würde«, ließ er es drauf ankommen und warf sich in das Videoprojekt. Ein älterer Film Grubes, Rhythm Is It!, hatte ihn beeindruckt und er genoss die Dreharbeiten. Aber mit der finalen Version von The Sound of My Life war er unzufrieden. (Grube sagt, er habe Carpenter den Film vor seiner Veröffentlichung gezeigt.) Seine ausführlichen Reflektionen über Künstlerisches und die digitale Orgel seien beim Schnitt auf der Strecke geblieben – »das ist wahrscheinlich nicht besonders telegen« – zugunsten der offensichtlich gestellten Fashion-Montagen. Teilweise vollbringt das Porträt das Kunststück, gleichzeitig oberflächlich und melodramatisch zu sein. Carpenter schmerzt vor allem eine Aufnahme seines Vaters, der im Rollstuhl sitzend einen Fake-Brief seines Sohnes vorliest. »Ich zucke immer noch zusammen, wenn ich daran denke, dass mein Vater Teil der Produktion dieser Fiktion war. Das war so unglaublich unnötig.« (Gregory Carpenter starb 2017 an Krebs.)

Mit den teils verheerenden Reaktionen auf The Sound of My Life fühlte Carpenter sich alleingelassen. »Seien wir ehrlich«, erzählt Carpenter, »ich war in der sozialen Interaktion nie besonders versiert oder selbstsicher. Ich habe erst sehr spät angefangen, Social Media zu nutzen oder überhaupt online sichtbar zu sein und hätte mit sowas nicht gerechnet. Von Seiten des Managements hat nie jemand anerkannt, wie viel Schaden dieser Film angerichtet hat oder dass der Macher des Films eine Verantwortung dafür trägt.« (Thomas Grube zufolge fand Sony den Film »toll«. Die Online-Kommentaren empfindet er eher als Beweis dafür, »welche Kraft von Carpenter ausgeht«.) Auch Journalist*innen setzen sich selten wirklich mit Carpenters Ideen auseinander. Nur hin und wieder interessiert sich jemand für seine Gedanken über die Ähnlichkeiten zwischen Programmiersprache und der binären Natur einer Orgelnote, oder wie mystisches Denken zu einem Interpretations-Stillstand in der Musik führt. Verbreiteter sind Überschriften wie »Dieser umstrittene klassische Musiker wird Dich umhauen.«

Carpenters Erfahrung als unfreiwillige online-Berühmtheit ließen ihn zurückhaltender werden. 2008 beschrieb der New Yorker sein Alter Ego Shane Turquoise als »tanzwütiges Club-Kid mit goldener Haut«. Carpenter sagt, er habe Shane Turquoise mittlerweile »getötet«. Damals waren Partys ein Weg, sich vom Druck der Juilliard School frei zu machen; heute fühle er sich nicht wohl zwischen grellen Lichtern und unter Menschen, die er nicht kennt. Das Feedback zu The Sound of My Life, sagt er, »hat mich zu einer konservativeren Person werden lassen, wenn es darum geht, was ich anderen Menschen von mir zeige. Es gibt da noch viel mehr in mir, das aber nicht kompatibel mit der Welt zu sein scheint.«

Carpenter betont im Gespräch immer wieder, dass er selbst für die Schwierigkeiten, mit denen er in der Welt der Klassischen Musik zu kämpfen hat, verantwortlich ist. Sein Spiel ist zum Teil etwas unreif, seine digitale Orgel klingt in manchen Registern blechern, seine Aussagen sind sehr direkt. (Er hat wenig Geduld mit den Plattitüden der klassischen Musik. »Jeder, der sagt, wir bräuchten Beethovens Musik für ein erfülltes Leben, ist einfach völlig bescheuert«.) Aber seine Karriere zeigt, wie paradox der Weg zum Solist*innenleben sein kann. Um entdeckt zu werden, müssen junge Künstler*innen mehr sein als großartige Musiker*innen; sie müssen auffallen, was oft bedeutet, sich einen rebellischen, eigensinnigen, revolutionären Anstrich geben zu müssen. Wenn man dabei nicht alle Anstandsregeln der Branche exakt befolgt, gilt man schnell als aufmerksamkeitsheischendes Medien-Phänomen ohne künstlerische Substanz. Das Außenseiter-Sein wird dann zur selbsterfüllenden Prophezeiung. »Die Art, wie eine Person in der Öffentlichkeit dargestellt wird, kann einen großen Einfluss darauf haben, wie sie sich gibt, sobald sie sich den Regeln, denen die Aufmerksamkeit folgt, bewusst wird«, sagt Carpenter. »Shannon würde das eine Feedback-Schleife nennen. So ist das zumindest in meinem Fall gewesen.«

Vor unserem Interview fragte Carpenter seinen Manager: »Was soll ich erzählen?« Die Antwort: »Es gibt bald ein Rebranding.« »Naja, sowas muss ich sagen, oder?«, meint er zu mir. »Wenn man sich meine Sachen anguckt – da kann man doch nur hoffen, dass es ein Rebranding gibt.« Ein Auto kann man rebranden oder eine E-Zigarette – aber einen Menschen? Die Momente im grellen Scheinwerferlicht haben Carpenter verändert, trotzdem macht er weiter. Als nächstes möchte er eine Orgelfassung von Bachs introspektiven Goldberg-Variationen einspielen. Seine Interpretation wird mit Sicherheit polarisieren und für Streit sorgen. Carpenter und ich geben uns die Hand, er steigt auf sein Fahrrad und verschwindet im tiefen Schwarz des Novembernachmittags. ¶

Cameron Carpenter und die selbsterfüllende Prophezeiung des Außenseiter-Seins in @vanmusik.