Ein Zeitgeist-Projekt von Audi

Text · Bilder Instagram / janengel.berlin Titelbild Faldrian (CC) · Datum 20.7.2016

Unter dem Titel »Zeitgeist« fördert die Audi AG, die zum Volkswagen-Konzern gehört, laut eigenen Angaben »den Dialog mit kreativen Köpfen aus verschiedenen Disziplinen und schafft Raum für kreative Experimente«. Neuestes Ergebnis dieser zeitgeistigen Marketingaktivität, in der nicht mehr simple Werbefilmchen gedreht, sondern »progressive Kunstfilme geschaffen« werden, ist ein etwa zehnminütiges Video, das von Richard Wagners Parsifal »inspiriert« wurde und so ziemlich jedes Klischee, das zwischen dem Firmensitz Ingolstadt und dem grünen Hügel in Bayreuth auf der Autobahn herumlag, aufgenommen hat.

Ein jüngeres Missverständnis in den eher verzweifelten Bereichen der Klassikbranche lautet, man müsse vorhandene Werke modernisieren, gewissermaßen »aufpimpen«, an heutige Hörgewohnheiten anpassen, um sie überhaupt erst für die Ohren moderner Zuhörer/innen gefällig zu machen. Diese stehen nach Ansicht der Klassikmanager irgendwo wartend an einer Bushaltestelle herum und wollen »abgeholt« oder irgendwohin »mitgenommen« werden. Es geht nicht darum, dass Menschen die großen Werke der sogenannten klassischen Musik kennen und verstehen lernen, sondern .

In diesen Windkanal bläst auch der Ingolstädter Autokonzern, der seit jeher stark im Sport- und Klassikmarketing zugange ist: Man fördert den FC Bayern und die Bayerische Staatsoper, den FC Chelsea, Real Madrid, den FC Barcelona und das Schleswig-Holstein Musik Festival, den FC Red Bull Salzburg, die Salzburger Festspiele, und man ist Namensgeber des Audi FIS Ski Weltcups und der Audi Sommerkonzerte, eines Klassikfestivals in Ingolstadt. Seit 2009 sponsert Audi auch die Bayreuther Festspiele, und so kam man auf die Idee, ein kleines Parsifal-Filmchen zu produzieren, um »opernfremden Zielgruppen einen Zugang zu Richard Wagner zu verschaffen« – schließlich steht doch in Bayreuth Ende Juli ein neuer Parsifal ins Haus; längst ist Bayreuth nicht mehr automatisch ausverkauft.

Man hat sich das Projekt allem Anschein nach einiges kosten lassen. Engagiert wurde das Kollektiv Like A Wild Beast’s Fur (LAWBF), das laut Pressetext »musikalische Textperformances an der Schnittstelle zwischen Sub- und Hochkultur erarbeitet«. Am besten ist immer alles an einer Schnittstelle, an der Schnittstelle von Bach und Breakdance, von Beethoven und Beatles, von Sub- und Hochkultur. Schnittstellen, so weit das Auge reicht (auch wenn die meisten eher Behauptungen ebensolcher darstellen). Hier: eine Schnittstelle von Oper und Techno. Denn für den Soundtrack hat man den Komponisten und Techno-Produzenten Moritz von Oswald gewonnen (dessen mit Mark Ernestus geschaffene Alben der Rhythm & Sound-Reihe ich zu den allerbesten deutschen Popalben überhaupt zähle, und ich würde mich jederzeit auf den Catering-Tisch im Backstage von Kraftwerk oder Rammstein stellen, um das zu postulieren).

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Angeblich hat von Oswald den »alten Parsifal auf Basis von Wagners Leitmotiven radikal ins Heute übersetzt«, so Audi. Eine »Brücke zwischen gestern und heute«, meint Regisseur Nicholas Mockridge von LAWBF. »Was war Ihre erste Reaktion, als Audi Ihnen die Idee antrug, Wagners ›Parsifal‹ zu rekomponieren?«, fragt die Audi-Kundenzeitschrift den Musiker. Seine Antwort: »Ich habe sofort gedacht, das interessiert mich.« Und weiter fragt das Audi-Magazin: »Gab es Leitplanken, an die Sie sich gehalten haben, halten mussten?« Von Oswald: »Es gibt im ›Parsifal‹ pro Aufzug mehrere Leitmotive. Ich hatte freie Hand, sie zu verwenden und auszusuchen.« Was dem Autobauer seine Leitplanke, ist dem Komponisten sein Leitmotiv.

Leider hält die Musik nicht annähernd, was die Promotexte versprechen. Es »pluckert« und »knistert« vor sich hin, die Ambientflächen sind »sphärisch«, die Klangästhetik »technoid«. Hin und wieder sind Wagner-Motive zu hören, eher angedeutet als ausgespielt. Sie stehen hohl im Raum, anders als bei Wagner, dem »Meister des Übergangs« (Adorno); werden hingetupft und sofort von neuen Technoklängen abgelöst. Hintergrundmusik. Mit etwas gutem Willen könnte man den »melodielos schwebenden Holzbläserakkorden« (wieder Adorno) des Vorspiels zubilligen, dass sie ja auch in der Partitur sehr für sich stehen. Das Abendmahlmotiv? Die berühmten Glocken, die Klänge des dubiosen Zauberers Klingsor, die Blumenmädchen gar, die in dessen Sündenpfuhl leben? Der finale Dur-Jubel, der immerhin offen lässt, ob Kundry für immer »entseelt zu Boden sinkt«, wie es im Libretto heißt, oder doch überlebt, mit oder ohne Parsifal, den nicht mehr so reinen Toren? Nichts davon kann man auf der Klangspur dieses Filmchens hören, insofern ist die Musik eine ziemliche Enttäuschung. Wenn man daran denkt, dass die religiös-philosophische Grundidee des Werks eher als, nun ja, problematisch gilt und durchaus nicht ohne »Furcht vor der Langeweile« (nochmal Adorno) rezipiert wird, während gemeinhin lediglich Wagners Musik Gegenstand größter Bewunderung ist, wird die Enttäuschung noch größer. Was wäre da möglich gewesen! Etwa unter Nutzung der Gralsglocken, deren Sound von Oswald doch eigentlich hätte interessieren müssen (und schon Wolfgang Wagner hat, als er die erste Gralsglocke von Steingraeber von 1975 bis 1982 nochmals einsetzte, sie mit einem Moog-Synthesizer kombiniert). Oder die Hebelpauken, die ebenfalls im Parsifal zum Einsatz kamen – »wie ein leises Erdbeben werden die Pauken den Gesang begleiten« (Wagner).

Gralsglocken für Richard Wagner

Vollends ärgerlich aber ist die Inszenierung. Rätselhaft, wie die Audi AG meinen kann, hier den »opernfremden Zielgruppen« etwas anzubieten, das Parsifal »radikal ins Heute übersetzt«. Die Ästhetik des Werbefilmchens ist very Eighties. Alles ist düster dräuend: Die Schauspieler bewegen sich statisch im Dunkel der Kathedrale des Berliner Kultclubs Berghain (den man in diesem Zusammenhang nicht Berghain nennen darf, die Club-Eigner haben der Audi AG zwar ihren Club vermietet, ihnen aber keine Namensrechte verkauft). Oft sieht man nur Schatten und Umrisse. Die Bande der Gralsritter hinkt marionettenhaft durchs Gemäuer, verschwommene Einstellungen wechseln sich in schneller, an Werbespots geschulter Schnitttechnik mit scharf gestellten Gesichtern ab.

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Irgendjemand muss den Darsteller/innen gesagt haben, sie sollen immer düster, böse, wild und wahnwitzig schauen, deutsches 19. Jahrhundert, und so versuchen sie diese Grimassen, so gut sie es eben können. Engagiert wurde eine Mischung aus hochkarätigen Schauspieler/innen, die an Volksbühne, Berliner Ensemble oder der Wiener Burg engagiert sind, und Tatort-Darstellern, die bei Til Schweigers Filmen schon an ihre Grenzen stoßen dürften, sowie prominente Amateure, die aber in der Berliner Pop-Szene Gewicht haben: Peaches leiht Kundry ihr Gesicht, Jacques Palminger versucht, den Gurnemanz zu verkörpern, der Berghain-Türsteher Sven Marquardt soll das Grals-Motiv repräsentieren. Und Vera Gottliebe Anna Gräfin von Lehndorff, die es in den 1960er Jahren unter dem Namen Veruschka als Model und Schauspielerin zu einer veritablen Kultfigur gebracht hat, stellt das Leidens-Motiv dar. »Veruschka heißt jetzt Vera«, weiß der ›Stern‹, und so wird sie im Abspann als Pünktchendame geführt: V.E.R.u.s.c.h.k.A. ist dort zu lesen.

Am Kreuzberger Heinrichplatz, weniger als drei Kilometer Luftlinie vom Berghain, gibt es einen koreanischen Imbiss mit dem Namen »Angry Chicken«, und auf der Leuchtschrift über der Bude steht unter dem Namen fett: »so so angry«. Daran musste ich denken, als ich den »Black Mountain«-Film von Audi Zeitgeist sah. Gurnemanz: er versucht, so so angry zu blicken. Titurel (die einzige wirklich gelungene Schauspielerleistung: Fassbinder-Schauspieler Volker Spengler) siecht dahin, sie haben ihm reichlich Blattgold ins Gesicht geschmiert: so so golden. Plötzlich ist alles weiß: so so unschuldig. Amfortas wird vom Leidens-Motiv (Vera: so so leidend) umgarnt, dann erdrosselt das Leidens-Motiv das Blumenmädchen (aus dessen Mund das Blut durchs weiße Tuch sprudelt: so so rot), das Leidensmotiv leidet so so verzweifelt vor sich hin. Parsifal (in einer Art Papageno-Feder-Kostüm: so so unbedarft) nähert sich dem Doppelstockbett, in dem Titurel und Amfortas liegen, und beugt sich zu Titurel hinab: so so rätselhaft. Die Nebelmaschine verbreitet roten Nebel, so so blutig. Aus einer Säule der Kathedrale erhebt sich das Grals-Motiv, also der Berghain-Türsteher, so so kühn mit dem Metall in seinem Mund, um ihn ein angedeuteter Lichtdom: so so Zeigefinger. Kundry erscheint singend vor der Wand wie eine Königin der Nacht: so so symbolbeladen. Sie darf ihre Zähne fletschen: so so bedrohlich. (Dass die Kundry von der queer-feministischen Popkünstlerin Peaches dargestellt wird – dieser Elfmeter wird leichtfertig verschossen. Sie ist vielleicht die interessanteste Figur des Parsifal, eigentlich zwei gegensätzliche Figuren, wie Slavoj Žižek in seinem Aufsatz Kundrys Kuß erklärt, gleichzeitig »die zerstörerische Verführerin und die engelhafte Erlöserin«, und die »wirkliche, begehrende Frau« geht bekanntlich zugrunde – ihre einzigen Worte im 3. Akt sind »Dienen … dienen!«, und ihre Handlung besteht darin, Parsifals Füße zu waschen –, während das »ewig Weibliche« triumphiert. Wahrscheinlich hat aber niemand das Libretto gelesen, von der Partitur ganz zu schweigen).

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Irgendwer hat große Tattoos an seinen Armen (»Tattoo Design: Mathias Archambault« erfahren wir im Abspann). So so cool! Tattoos in einem Wagner-Film! Verstehen Sie? Der Parsifal: ein langweiliger Hohlkopf (so so hohl) – was sehnt man sich nach dem naiven Rucksacktouristen in seinen kurzen Hosen aus Dmitri Tcherniakovs Parsifal-Inszenierung an der Berliner Staatsoper! Von der Musik ganz zu schweigen …

Und so wabert das Werbefilmchen bedeutungsschwer zehn sich endlos ziehende Minuten vor sich hin. Modern will das sein? Es ist so verstockt und verstaubt und altmodisch und konservativ, wie es nur sein kann. In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hätte man mit so einem Film vielleicht eine subventionierte Goethe-Institut-Reise nach Kasachstan oder Paraguay ergattern können, heute wirkt die zugleich belanglose und überladene Werbefilm-Ästhetik nur verstaubt und hilflos. Schließlich tötet Parsifal Klingsor in einer Badewanne voll Blut, und im Abspann erfahren wir, dass keine Tiere zu Schaden gekommen sind (»No animals were harmed during the production of this movie«), was man von denen, die den Film anschauen, leider nicht behaupten kann.

Wie aber kann solch ein Projekt derart misslingen? Trotz alledem, worüber der Abspann erzählt: der Hologram-Supervision, dem Hair-, Tattoo- und Title Design, der dramaturgischen Beratung von Katharina Wagner, der aktuellen Chefin von Bayreuth? Oder gerade deswegen?

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Offensichtlich dachte die Audi AG, dass sie hier nichts falsch machen könne: »Mit dem Zeitgeist Projekt ›Black Mountain‹ hat Audi das Sponsoring der Bayreuther Festspiele um eine innovative Facette ergänzt«, behauptet der Autokonzern, der aktuell in den USA wegen des problematischen Abgasverhaltens seiner Drei-Liter-Dieselmotoren unter gewaltigem Druck steht. Der Film überrasche mit einem »spektakulären Cast« (#Famous, #Cast, #Audi.Zeitgeist – so so Hashtag ); er wurde von LAWBF und vom »Kulturberater« Jan Engel »geschaffen«. Engel hat fünf Jahre bei der Werbeagentur Scholz & Friends gearbeitet und dort zuletzt den Eventbereich geleitet. Mittlerweile führt er seine eigene Firma, auf deren Webseite es unter anderem heißt: »Als Plattform treibt JE kulturelle Projekte an und entwickelt Konzepte, die Kunstfreiheit garantieren und dennoch die Marken DNA transportieren.« Das darf man sich auf der Zunge zergehen lassen, es ist state of the art, was das Zusammenspiel von Konzernen und Kultur angeht: Die Kunstfreiheit ist »garantiert« (was man eben so sagt, will man doch als Liberaler gelten), aber vor allem wird die »Marken-DNA transportiert«, und darauf kommt es schließlich an. Dafür bezahlt die Audi AG. Mit den Abgaswerten ihrer Automobile nehmen sie es nicht so genau, aber im Kultursponsoring findet man die DNA des Autokonzerns. Auch der neue Chef der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, plappert in jüngsten Statements davon, dass ein Museum oder ein Theater vor allem eine »Marke« sein müsse.

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Bleibt schließlich noch die Frage: Wie kommt es, dass Musikerinnen und Schauspieler, die ja nicht alle Idioten sind, das Geld des Automobilkonzerns annehmen und bei so etwas mittun? Palminger, Peaches, Volker Spengler zum Beispiel, ehrenwerte Leute – warum tun die das? Sicher, es wird eine Stange Geld gegeben haben, und es herrscht das anything goes der neoliberalen Postpostmoderne; im Finanzkapitalismus ist alles eine Ware, nichts mehr Inhalt. Alles steht zum Verkauf, die einen geben ihren Namen für McDonalds, die anderen verkaufen sich für Audi, »ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke« ist eine Haltung der Vergangenheit, heute herrschen die Allesmitmacher, die sich für jedes Produkt zu Markte tragen. Tom Waits allerdings hat gefragt: »Warum willst du diese Sorte Geld? Es ist Geld, das dich zum Sperma macht, mit dem das Ei der Industrie befruchtet wird.«

Einige Popkünstler haben längst erkannt, dass »an der Schnittstelle von Sub- und Hochkultur« gutes Geld zu verdienen ist, in Zeiten, da die Hochkultur sich nach der einstmals räudigen Street Credibility der Subkultur sehnt und sie nutzt, um ihr gelangweiltes Geschäftsmodell aufzupeppen. »Protest is part of our brand«, ließ Volksbühnen-Dercon jüngst verlauten. Musiker dienen der Konsumindustrie bereitwillig als Vehikel der Konsumförderung. Ihre Identität geben diese Künstler an der Garderobe der Konzerne ab. »Die gesamte Praxis der Kulturindustrie überträgt das Profitmotiv blank auf die geistigen Gebilde. (…) An den Mann gebracht wird allgemein unkritisches Einverständnis, Reklame gemacht für die Welt, so wie ein jedes kulturindustrielles Produkt seine eigene Reklame ist«, schrieb Adorno.

»Ein Zeitgeist Projekt der Audi AG. Produced in conjunction with the cultural sponsorship of the Bayreuth Opera Festival 2016«, lesen wir zum Schluss im Abspann. Einen Vorteil immerhin hat das fiasköse Projekt für den Grünen Hügel: Schlimmer als der Black Mountain-Film kann die Parsifal-Neuinszenierung nicht mehr werden. Was aber plant der Audi-Zeitgeist als nächstes? Vielleicht die House-Version einer Peking-Oper? China ist schließlich das Land, in dem weltweit die meisten Audis gekauft werden.