250 Komponistinnen. Folge 40: Von ihr hat Brahms »geklaut«.

Text · Titelbilder Bergen Public Library Norway (No restrictions) / Unknown author (Public domain) Datum 5.8.2020

Im südschwedischen Landskrona – etwa 40 Kilometer nördlich von Malmö gelegen – wurde am 20. Februar 1853 Carolina Amanda Erika Maier von ihrer Mutter Elisabeth Sjøbeck (1818–1896) zur Welt gebracht. Vater Carl Edvard Maier (1820–1877) – gelernter Konditor – stammte aus Riedlingen am Südrand der Schwäbischen Alt, siedelte 1852 nach Stockholm über und war dort als Musiker und Musikorganisator tätig. Er erteilte seiner Tochter Amanda – ihr älterer Bruder Carl Frederik Frithiof Axel (1848–1851) starb im Kindesalter von drei Jahren – Unterricht am Klavier und an der Geige. Schon als 14-Jährige wurde Amanda am Konservatorium in Stockholm aufgenommen und legte 16-jährig ein erstes Album mit Klavierkompositionen vor.

Maier studierte Geschichte, Musikästhetik, Violine, Violoncello, Orgel und Komposition, erwarb (nach Auskünften des Sophie-Drinker-Instituts) als erste Frau 1872 den Titel einer Musikdirektorin und setzte – mit einigen Vorschusslorbeeren bedacht – ihr Studium in Violine, Harmonielehre und Komposition fort. Die 1873 komponierte Violinsonate h-Moll wurde auf Empfehlung des einflussreichen Komponisten, Dirigenten und Musikpädagogen Ferdinand von Hiller (1811–1885) und auf Geheiß des »dänischen Schumanns« Niels Wilhelm Gade (1817–1890) von der Stockholmer Akademie mit einem Preis ausgezeichnet.

1880 heiratete Maier den deutsch-niederländischen Komponisten und Pianisten Julius Röntgen (1855–1932), den sie durch dessen Vater Engelbert Röntgen kennengelernt hatte. Engelbert Röntgen war seit 1869 der Konzertmeister des Gewandhausorchesters Leipzig sowie Amandas Geigenlehrer und führte diese unter anderem mit Edvard Grieg zusammen. Im Februar 1876 trat Amanda als Violinsolistin anlässlich der Aufführung ihres eigenen Violinkonzerts d-Moll mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Carl Reinecke auf. Für eben jenes Konzert hatte ein vermögendes Direktionsmitglied des Gewandhauses ihr eine Stradivari zur Verfügung gestellt; die erfolgreiche Aufführung ließ im November desselben Jahres eine weitere an der Stockholmer Oper folgen, mit Mendelssohns e-Moll-Konzert in Kombination.

Im Sommer 1876 zog Amanda Röntgen-Maier zurück in ihre Geburtsstadt Landskrona und reiste von dort aus als äußerst erfolgreiche Geigerin durch ganz Skandinavien sowie durch Russland, war außerdem als Organistin tätig – und pendelte überdies aufgrund der Fernbeziehung mit ihrem Gatten Julius Röntgen zwischen Landskrona und Leipzig, wo dieser ansässig war. Als sonderlich fortschrittlich erwies sich ihr privates und politisches Umfeld nicht, so stellte der Theologe und Musikforscher Abraham Loman (1795–1883) fest: »Mit ihrer Verheirathung war für Amanda die Zeit ihres öffentlichen Auftretens als Violinspielerin beendet, die des Musizirens im häuslichen Kreise begann erst recht.«

Die Entfaltungsmöglichkeiten des »heimischen Musiksalons« allerdings sollte man nicht unterschätzen, denn dort traf Röntgen-Maier mit Persönlichkeiten wie Clara Schumann, Anton Rubinstein, Joseph Joachim und Johannes Brahms zusammen – und brachte gemeinsam mit diesen Freund:innen, die ihre Werke durchgehend als hochwertig würdigten, zahlreiche Kammermusikwerke zur Aufführung. 1880 wurde Amandas Ehemann Julius auf eine Klavierlehrerstelle in Amsterdam berufen und sie folgte ihm in eben jene niederländische Metropole. Eine Lungenerkrankung, die nach der Geburt ihres zweiten Sohnes 1886 zutage trat, schränkte jedoch insbesondere die kompositorischen Aktivitäten Röntgen-Maiers immens ein. Nach der Erholung dienenden Aufenthalten in Davos und Nizza – hier bewohnte Röntgen-Maier ein Haus, in dem auch das komponierende Ehepaar Elisabeth (1847–1892) und Heinrich von Herzogenberg (1843–1900) residierte – ging es ab 1890 gesundheitlich wieder langsam aufwärts; ein paar stets baldig und personell äußerst prominent uraufgeführte Kammermusikwerke entstanden in dieser Zeit.

Röntgen-Maier starb im Alter von nur 41 Jahren am 15. Juni 1894 in Amsterdam. Grieg entgegnete auf Julius Röntgens Schilderung der letzten Stunden seiner Gattin – kurz vor ihrem Tod hatte sie noch beide Söhne an der Violine unterrichtet – brieflich: »Sie gehörte zu meinen Lieblingen!«

Amanda Röntgen-Maier (1853–1894)Konzert für Violine und Orchester d-Moll (1876)

Das besagte Violinkonzert d-Moll ist das mit Abstand bekannteste Werk aus der Feder von Röntgen-Maier. Majestätisch und sehr ernst hebt der erste Satz (Allegro risoluto) an. Wir hören »Schumannsche« Punktierungsemotionen, eine kompakte, eher frühromantische Orchestrierung und eine Solo-Violine, die es nicht eine ganze Orchesterexposition lang aushält, zu schweigen. Denn bereits nach wenigen Momenten ertönt das sich stolz aufschwingende Thema auf den Saiten der Solo-Geige. Man erlebt »Durchwringungen« voller Leidenschaft in d-Moll, kluge, entschlackte orchestrale Instrumentierungsaugenblicke während der Solo-Passagen und schnelle, ja, großartige Kulminationen, dem Violinkonzert von Brahms nicht unähnlich.

Geschichte, Musikästhetik, Violine, Violoncello, Orgel, Harmonielehre und Komposition studierte Amanda Röntgen-Maier und wurde 1872 zur ersten Musikdirektorin überhaupt ernannt. Ein Portrtät in @vanmusik.

Doch das Brahmssche Violinkonzert wurde erst zwei Jahre später (1878) veröffentlicht! Hat Brahms für sein eigenes Werk von Röntgen-Maier »geklaut«? Frappierend offensichtlich sind hier ganz typische Wendungen, Triolen-Beschleunigungen und andere rhythmisch-variativ vielgestaltige Strecken in der Solo-Violine zu hören; als würde Joseph Joachim, der Brahms einst bei der Ausgestaltung des Violinparts behilflich sein musste, ein noch unentdecktes Violinkonzert jenes Komponisten inbrünstig – innerlich von der hohen musikalischen Qualität total überzeugt und überzeugend – vor unseren Ohren uraufführen! Eine Musik, die nie einschläft, sondern fort und fort sich entwickelnde Linien hervorbringt; voller Liebe, Klugheit und Farbigkeit! ¶